Mitteldeutsche-Zeitung vom 27.10.2005

Muss der Quedlinburger Billard-Club auswandern?

Verein erneut zum Umzug gezwungen - Ein neues Domizil gibt es aber noch nicht


Tino Klinkert (l.) und Hannes Wenndorff müssen um den weiteren Erfolg ihrer Mannschaft fürchten. Die beiden spielen im Oberliga-Team ihres Clubs.

VON STEPHAN NEEF
Quedlinburg/MZ. Blinde Fenster, namenlose Klingeln, Gerümpel auf den Höfen: Die Uhr der Ex-Kasernen zwischen Halberstädter und Gneisenaustraße ist abgelaufen, das Endzeit-Fluidum unübersehbar. Die Galgenfrist für jene Mieter, die noch in den alten Mauern ausharren, läuft ab. Doch mancher, der hier jahrelang zu Hause war, hat -trotz diverser Angebote - noch keine neue Bleibe. Die Zeit aber drängt.

Gute Bilanz gefährdet
"Zum 31. Dezember wurde uns gekündigt", berichtet Frank Schmidt der MZ. Und meint den Quedlinburger Billard-Club, dessen erster Vorsitzender er ist. Die Gneisenaustraße 20 a war das vierte Club-Domizil seit der 1993 erfolgten Vereinsgründung. Nach dem Nomadenleben der vergangenen zwölf Jahre könnte die kleine Sportgemeinschaft nun bald endgültig "auf der Straße stehen", beklagte Schatzmeister Stefan Behrendt vor dem Sozialausschuss des Stadtrates. Denn die Ausweichquartiere, die Wohnungswirtschaft oder Baubecon angeboten hätten, "passen größenmäßig nicht oder übersteigen die finanziellen Möglichkeiten" des Vereins.
"Wir wissen nicht, wer uns helfen kann."
Stefan Behrendt
Club-Schatzmeister
Drei Billard-Tische brauchen die gegenwärtig 17 Club-Aktivisten für Training und Spielbetrieb. Doch die 500-Kilo-Kolosse - 1,60 Meter breit und drei Meter lang - müssen so platziert werden, dass die Spieler mit ihren 1,60 Meter langen Queues ungehindert hantieren können und "der Umlauf um die Tische gewährleistet ist", sagt Schmidt. "Der Abstand zwischen Tisch und Wand sollte mindestens 1,60 Meter betragen." Das hat Konsequenzen für die Größe des Raumes, der mindestens fünf Meter breit und 13 Meter lang sein müsse. In Frage kämen Baracken, Scheunen oder Werkstätten, weiß der Club-Chef.
Nomaden-Dasein
"Wir haben bereits einen Haufen Kapital in den Sand gesetzt", verriet Behrendt den Abgeordneten. Im einstigen Juba-Komplex (Neuendorf 28) hätte der Club "eine komplette Garage eigenhändig ausgebaut und ausgestattet", präzisiert Schmidt. Nach dem Konkurs des Trägers fand der Verein ein - in jeder Beziehung günstiges - Domizil im "Kaiserhof", dessen Schließung den nächsten Umzug erzwang.
Doch schon das Asyl in der Gneisenaustraße war keine Ideallösung. Der Raumzuschnitt ist ungünstig, die Höhe der Nebenkosten zehrte am Club-Budget. Dabei seien die monatlichen Mitgliedsbeiträge mit 12,50 Euro bis 32,50 Euro bereits sehr hoch, gesteht Schmidt. Doch zwei Drittel der 3 000 Euro umfassenden Einnahmen müssten allein für die Mitgliedschaft in Fachverbänden und die Erneuerung des Sportmaterials ausgegeben werden. Die jährliche Neubespannung einer Schiefertischplatte verschlinge schon 150 Euro. Da bliebe nicht mehr viel für Miete oder Heizung. "Wir wissen nicht, wer uns helfen kann", gestand Behrendt dem Ausschuss.
Und malte die möglichen Folgen des Dilemmas aus: Das Oberliga-Team des Vereins müsse auf alle Heimspiele verzichten und andernorts Tische anmieten. Das könne sich auf die sportliche Erfolgsbilanz auswirken, fürchtet nicht nur Schmidt. Bisher haben seine Mannen drei Landesmannschaftsmeister- und 24 Einzelmeister-Titel nach Quedlinburg geholt. Bei Deutschen Meisterschaften gab es dritte Plätze und damit fast eine Qualifikation für die Europa-Meisterschaft.
Bürgermeister Eberhard Brecht (SPD) und Ausschusschef Otto Boldt (FDP) versprachen, sich für die Bereitstellung bezahlbarer Ersatzquartiere einzusetzen. Doch den erhofften Fund haben sie offenbar noch nicht gemacht.

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